31.10.2026
Deutsch
Kommen ein Linker, ein AfDler und Jesus in eine Bar
Ist Jesus links oder rechts? Beide Lager haben Bibelstellen. Beide haben recht. Und beide haben ein Problem.
Mit dieser Frage kannst du jedes Familienfest sprengen. Schneller als mit der Frage, wer das letzte Stück Kuchen kriegt. Und das will was heißen.
Die einen sind sich sicher: Jesus war der erste Sozialist. Die anderen genauso sicher: Jesus steht für Familie, Ordnung und Werte. Beide haben Bibelstellen - unabhängig davon, ob sie diese überhaupt glauben. Aber Argumente haben ist geil…
Beide haben recht.
Und beide haben ein Problem.
Was die Linke bei Jesus findet
Jesus beginnt seinen Dienst mit einer Ansage: gute Nachricht für die Armen, Freiheit für die Gefangenen, Befreiung für die Unterdrückten (Lk 4,18). Er isst mit Zöllnern und Sündern. Er stellt sich zwischen eine Frau und die Steine, die schon in den Händen der Frommen liegen (Joh 8). Er sagt, dass wir ihm begegnen, wenn wir den Fremden aufnehmen und den Hungrigen speisen (Mt 25,35–40). Und über den Reichtum sagt er Sätze, bei denen jeder Anlageberater nervös wird. Da hüpft das liberale Herz.
Ich will das wertschätzen. Diese Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach einer Gesellschaft, in der keiner durchs Raster fällt, ist kein Zufallsprodukt. Ob die Leute es wissen oder nicht: Dieses Verlangen hat Gott in sie hineingelegt. Auch in die antiautoritären Atheisten. Ob sie's mögen oder nicht.
Was die Rechte bei Jesus findet
Derselbe Jesus nimmt die Ehe so ernst, dass selbst seine Jünger schlucken (Mt 19,3–10). Derselbe Jesus sagt zur Frau, die er gerade vor den Steinen gerettet hat: „Geh hin und sündige hinfort nicht mehr“ (Joh 8,11). Im selben Kapitel, in dem er sich mit den Geringsten identifiziert, erzählt er das Gleichnis von den Talenten, in dem einer belohnt wird, weil er sein Kapital vermehrt hat (Mt 25,14–30). Und auf die Steuerfrage antwortet er: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ (Mk 12,17). Das konservative Herz jubelt.
Auch das will ich wertschätzen. Die Sehnsucht nach Ordnung, nach Verantwortung, nach einer Gesellschaft, die stark ist und Halt gibt, kommt ebenfalls aus Gottes Herz.
Und jetzt schau mal genau hin: Johannes 8 liefert beiden Lagern Munition. Matthäus 25 auch. Dieselbe Geschichte, dasselbe Kapitel. Jesus lässt sich nicht in der Mitte durchschneiden, damit jeder seine Hälfte mit nach Hause nehmen kann.
Der Revoluzzer und der Kollaborateur am selben Tisch
In der Jüngerliste stehen zwei Namen direkt nebeneinander: Matthäus, der Zöllner, und Simon, der Zelot (Mt 10,3–4). Der eine hat für Rom kassiert. Der andere wollte Rom am liebsten mit dem Dolch aus dem Land jagen. Alter, das muss ein Abendessen gewesen sein. #awkward. Und Jesus beruft beide. Nicht, damit sie ihre Positionen behalten, sondern damit sie ihm folgen.
Ich liebe die Szene in Josua 5. Josua steht vor einem Mann mit gezücktem Schwert und fragt: „Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden?“ Und die Antwort ist: „Nein.“ (Jos 5,13–14). Nicht A, nicht B. Ich bin der Fürst über das Heer des Herrn.
Übrigens: „Links“ und „rechts“ kommen aus der französischen Nationalversammlung von 1789. Da ging es darum, wo man sich hinsetzt. Jesus hat sich nie in diese Sitzordnung eingetragen. Er ist der Gastgeber.
Eckstein und Stolperstein
Petrus nennt Jesus beides: den kostbaren Eckstein und den Stein des Anstoßes (1. Petr 2,6–8). Und der alte Simeon sagt über das Baby im Tempel: „Dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele“ (Lk 2,34).
Er soll mein Eckstein sein. Und in vielem ist er das auch. Aber ich habe gemerkt: Wenn er mir nie mehr zum Stolperstein wird, dann habe ich mir meine Weltanschauung, meine Religion, meine Theologie nach meinem Geschmack zurechtgelegt. Dann habe ich keinen Rabbi mehr, sondern ein gezähmtes Haustier.
Mein Rabbi steht in der Mitte. Und er steht auch mir gegenüber. Nicht, weil er mich klein machen will, sondern weil er gesund und reif in unsere Gesellschaft hineinwirken will. Und dafür fängt er bei mir an.
Wer sich zuerst ändern muss
Wenn sich jemand ändern muss, dann ist es nicht mein politisches oder theologisches Gegenüber. So falsch sie auch liegen mögen. Es ist auch nicht Gott. Es bin zuallererst ich.
Das ist keine schlechte Nachricht. Das ist Gnade. Denn derselbe Jesus, der mir zum Anstoß wird, hat am Kreuz schon alles getragen, was mich von ihm und von meinem Nächsten trennt (2. Kor 5,19). Er stellt mich nicht bloß. Er lädt mich ein, ihm ähnlicher zu werden.
Am Montagmorgen
Beim nächsten Gespräch mit dem Kollegen, der ganz anders wählt als du, oder beim nächsten Familienessen mit dem Onkel, der beim Thema Politik rot anläuft: Frag dich vorher nur eins. Wo stolpere ich gerade über Jesus? Und dann hör erst mal zu. Vielleicht entdeckst du in deinem Gegenüber eine Sehnsucht, die Gott selbst hineingelegt hat.
Jesus ist nicht links. Jesus ist nicht rechts.
Jesus ist Herr.
Und das ist eine richtig gute Nachricht, für beide Seiten des Tisches.